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Der Oktober ist der Monat der Aphasie – ein Fall aus der Praxis des Praxisverbundes Logopädie

10.10.2016

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Aphasie ist eine Sprachstörung oder - verlust nach neurologischen Erkrankungen. Sie kann z.B. nach einer Gehirnblutung oder einem Schlaganfall auftreten. Typisch für sie ist, dass Sprachmodalitäten wie Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben gestört sind. Es handelt sich also nicht um eine geistige Behinderung oder psychische Störung, sondern um die Beeinträchtigung der Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken und Gesprochenes zu verstehen. Im Rahmen der Behandlung werden zunächst die Fähigkeiten im Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben ermittelt. Mit Hilfe von verschiedenen sprachlichen Übungen wird dann versucht, die Defizite entsprechend zu verbessern.

Anlässlich des Monats der Aphasie beschreibt der Praxisverbund Logopädie der Heilpädagogischen Hilfe Bersenbrück einen Fall aus der Aphasie-Therapie: Hochmut kommt vor dem Fall, lernten wir als Kinder, von den kurzen Beinen der Lügen und dem Gold im Mund der Morgenstund‘ haben wir auch gehört, und natürlich wissen wir, wo jene landen, die anderen eine Grube graben. Sprichwörter enthalten gewöhnlich bedenkenswerte Wahrheiten, einprägsam auf den Punkt gebracht. Dass Reden Silber, Schweigen jedoch Gold ist, mag ebenfalls eine kluge Vorsichtsregel sein, manchmal stimmt jedoch auch das genaue Gegenteil. Welches Glück es ist, sprechen und sich mitteilen zu können, kann man von Herrn J. erfahren.

Herr J., Multitalent und erfolgreicher Geschäftsmann, Fahrlehrer, Pilot und Firmenchef, selbstbewusst, vital und durchsetzungsfähig, hat nach seinem zweiten Schlaganfall im Jahr 2013 einen langen, beschwerlichen Weg zurück zur Sprache hinter sich. Wer es nicht selbst erfahren hat, ahnt nicht, wie anstrengend es sein kann, all die vielen Wörter für Menschen und Tiere, Dinge und Eigenschaften, Erlebnisse und ihre Kontexte im Gedächtnis aufzuspüren, sie in die passende Form und Reihenfolge zu bringen und dann auch noch richtig auszusprechen, so dass der Gesprächspartner versteht, was man ihm sagen will! Und wie frustrierend es ist, wenn dies trotz aller Mühe nicht gelingt!

Wer kann sich schon vorstellen, wie es sich anfühlt, für dumm gehalten zu werden, nur, weil man seine Gedanken nicht (mehr) formulieren kann? Seit inzwischen drei Jahren kämpft Herr J. mit bewundernswerter Ausdauer gegen die Folgen seines Schlaganfalls an. Manchmal erscheint ihm der lange Kampf aussichtslos, dann winkt er resigniert ab und würde am liebsten aufgeben. Aber er tut es nicht. Gemeinsam mit seiner Logopädin Anne Müns-termann, die ihn Woche für Woche im Praxisverbund für Logopädie der HPH Bersenbrück unterstützt und seine Zuversicht stärkt, kämpft er weiter.

Trotz aller Anstrengung freut er sich jedes Mal darauf. Denn dort findet er seine Sprache wieder – oft fällt es ihm selbst erst im Nachhinein auf. Anne Müns-termann spricht mit ihm über das, was ihm am Herzen liegt: Über seine Biographie und seine Erlebnisse, Kindheit und Familie, Berufliches und Persönliches, Lebensziele und Erfolge. Und immer mehr von dem, was verloren zu sein schien, wird gemeinsam dem Vergessen abgerungen, rekonstruiert und zurückgewonnen. Wenn Herr J. von dem erzählt, worüber es sich für ihn zu sprechen lohnt, tritt seine Aphasie ebenso wie seine Anstrengung zeitweilig in den Hintergrund. Das gemeinsam Erinnerte wird aufgemalt und aufgeschrieben, vorgelesen und korrigiert, so dass Herr J. die Wörter spricht und hört, ihrer Bedeutung nachspürt und sie geschrieben vor sich sieht. Wenn die Wörter fehlen, muss das Gemeinte umschrieben, gezeigt, mit Mimik und Gestik nachgeholfen oder auch in den bereits entstandenen Aufzeichnungen nachgeblättert werden. 

Denn nicht selten kommt es auf das genaue Wort an: Nicht Flugzeugfahrer war Herr J. in seinem früheren Leben, sondern Pilot, Stavanger hießt das Ziel seiner Reise nach Norwegen, und wenn es etwas Besonderes zu feiern gibt, dann knallt – wie hieß das Ding doch gleich? – richtig: der Korken! Welches Glück die Sprache ist, was es für die Lebensqualität bedeutet, sich mit anderen Menschen austauschen und seine Erinnerungen mit ihnen teilen zu können, das können vielleicht wenige so gut ermessen wie Herr J. und diejenigen, die das Glück haben, ihn zu kennen.

Ja, manchmal ist nicht Schweigen, sondern Reden Gold!

Text und Bilder: Anne Münstermann, Logopädin, Der Praxisverbund Logopädie im nördlichen Landkreis Osnabrück, Dr. Matthias Leder, Psychologe, Der Sprachheilkindergarten im nördlichen Landkreis Osnabrück

Ansprechpartner für den Praxisverbund Logopädie: Kirsten Meyer, Tel: 05439/ 9418-0, kmeyer@hph-bsb.de.

Heilpädagogische Hilfe Bersenbrück Abteilung Kommunikation Tel: 05439-9449-25 Email: kommunikation@hph-bsb.de www.hph-bsb.de