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Der Oktober ist der Monat der Aphasie

09.10.2018

Eine Mitarbeiterin des Praxisverbundes Logopädie erklärt, was das ist

In Deutschland erleiden jedes Jahr ca. 270.000 Menschen aufgrund einer Mangeldurchblutung des Gehirns oder einer Hirnblutung einen Schlaganfall. Als Folge des Schlaganfalles können aufgrund der Gehirnschädigung u.a. halbseitige Körperlähmungen, Schluckstörungen, Sprach-/Sprechstörungen, Sehbehinderungen, Störungen in der Bewegungsplanung oder der Konzentration auftreten. Auch durch einen Unfall oder verschiedenste Krankheiten (selten auch Demenz) kann eine Gehirnschädigung entstehen, in 80% der Fälle liegt der Schädigung jedoch ein Schlaganfall zugrunde. Wird infolge des Schlaganfalles das Sprachzentrum geschädigt, spricht man von einer Aphasie. Hiervon sind in Deutschland aktuell etwa 100.000 Menschen betroffen. Bei einer Aphasie handelt es sich um eine Störung der Sprache nachdem diese zuvor vollständig erworben wurde. Betroffene Personen verlieren die Fähigkeit, sich mit Sprache auszudrücken und/oder Sprache zu verstehen. Es fällt ihnen schwer, die eigenen Gedanken in Worte zu fassen. Auch kann ein nahezu vollständiger Verlust der Sprache vorkommen. In vielen Fällen bleibt jedoch die Möglichkeit mittels Gestik und Mimik zu kommunizieren erhalten. Weitere Bereiche, die durch die Aphasie betroffen sein können, ist die Verarbeitung von Zahlen und/oder das Lesen und Schreiben. Bei einer Aphasie handelt es sich um keine geistige Behinderung oder psychische Störung. Das Denken ist nicht betroffen. Nicht selten können sich durch die Kommunikationseinschränkungen allerdings psychische Probleme ergeben.

Wie eine Aphasie verläuft, hängt von der Art und der Schwere der Schädigung des Gehirns ab. Häufig bilden sich die Sprachprobleme in den ersten 4-6 Wochen ganz oder zumindest teilweise spontan zurück. Auch im ersten halben Jahr nach der Hirnschädigung können sich weitere Fortschritte zeigen. In vielen Fällen ist jedoch langfristig gezielte Sprachtherapie nötig. Je früher die logopädische Behandlung beginnt, desto positiver wirkt es sich auf den weiteren Verlauf aus. Je nach Art und Schwere der Störung kann ein Sprachtherapeut durch verschiedene Behandlungsmethoden versuchen, die Sprachzentren zu reaktiveren, die Sprache zu verbessern oder eine alternative Kommunikation, durch Gesten, Sprachcomputer o.ä., zu trainieren. Häufiges Ziel der Therapie ist eine gute Kommunikation im Alltag, wie z.B. bei wichtigen Telefonaten, Einkäufen usw.

Im Gespräch mit einem aphasischen Menschen ist es wichtig, ihm Zeit zum Sprechen zu geben und ansonsten möglichst normal mit ihm zu kommunizieren. Zusätzlich sollte möglichst auf den Inhalt der Äußerung und nicht darauf geachtet werden, wie der Betroffene es formuliert hat. Vielen Betroffenen fällt es leichter, ohne Sprache zu kommunizieren. In diesen Fällen macht es wenig Sinn, immer Sprache einzufordern. Häufig gelingt es dem Aphasiker leichter dem Gespräch zu folgen, wenn es wenig Nebengeräusche gibt und Bilder oder Körpersprache zur Unterstützung eingesetzt werden. Die betroffene Person sollte weiter in Gespräche eingebunden werden und möglichst selbstständig am Alltag teilhaben. In seltenen Fällen können auch Kinder von einer Aphasie betroffen sein.

In Deutschland erleiden jährlich etwa 3.000 Kinder und Jugendliche eine Aphasie. Im Kindesalter kann diese sehr individuell ausgeprägt sein und von leichten Sprachentwicklungsverzögerungen bis hin zum völligen Sprachverlust reichen. Eine Abgrenzung zwischen einer Sprachentwicklungsstörung und einer kindlichen Aphasie ist nur durch gute Diagnostik möglich. Auch im Falle einer kindlichen Aphasie kann sich eine möglichst frühe logopädische Behandlung positiv auf den weiteren Verlauf auswirken.

Verfasserin: Melanie Rammes – Logopädin „Der Praxisverbund Logopädie der Heilpädagogischen Hilfe Bersenbrück“