Sie befinden sich hier:

Nicht alle finden fliegen toll - Bersenbrückerin mit Asperger-Syndrom schreibt Kinderbuch über Inklusion

08.05.2019

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg aus Schweden ist derzeit in den Medien allgegenwärtig. Was viele nicht wissen: Sie ist Asperger-Autistin. Auch Carolin Lutter hat die Diagnose Asperger. Ihre Spezialinteressen: Sprachen und Geschichten. Vor kurzem hat die 30-Jährige, die seit kurzem in Bersenbrück wohnt, ihr erstes Buch veröffentlicht.

 

Empfindet den Autismus nicht als Nachteil: Autorin Carolin Lutter.

„Vom Glück fliegen zu können“ heißt Carolin Lutters Buch. Es erzählt von einem jungen Elf, der ohne Flügel geboren wurde. Er kann als einziger nicht fliegen und wird von den anderen Elfen gemieden. Eines Tages wird das Elfenvolk von einer bösen Spinne verschleppt. Die Elfen bleiben mit ihren Flügeln im Netz der Spinne kleben, nur der Elf ohne Flügel bleibt verschont. Er beschließt, die Elfen zu retten, denn er erkennt, dass sein Handicap hier hilfreich sein kann.

Nimm jeden Menschen so an, wie er ist, denn jeder Mensch kann einen wichtigen Beitrag für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft leisten – so lautet die Botschaft des Buches. „Es geht darum, einen scheinbaren Nachteil als Vorteil zu begreifen“, sagt Autorin Carolin Lutter. Ihr Buch hat teils autobiographische Züge. In der Schulzeit sei sie gemobbt worden, weil sie „anders“ als ihre Mitschüler gewesen sei.

Dass sie Autismus hat, wurde bei Lutter erst spät diagnostiziert. Schon immer war ihren Eltern aufgefallen, dass sie bestimmte Dinge viel besser konnte als andere, zum Beispiel Sprachen lernen. Durch einen Radiobeitrag wurde ihr Vater eines Tages auf das Asperger-Syndrom aufmerksam. Ein Test brachte 2013 die Diagnose: Carolin ist Asperger-Autistin.

„Die Diagnose war für mich gar nicht so wichtig. Sie hat mich nicht gestört, sondern war einfach eine Info“, sagt Lutter. Dass sie sich für andere Dinge interessiere als andere und irgendwie „anders“ sei, sei für sie selbst nie ein Problem gewesen: „Wer sagt denn eigentlich, dass ich Fliegen toll finde, nur weil ihr das findet? Jeder hat ein anderes Empfinden“, so Lutter. Begriffe wie „normal“, „toll“ und „‚schön“ seien relative, vage Begriffe, die jeder anders empfinde. Sie selbst empfinde den Autismus nicht als Beeinträchtigung - im Gegenteil: „Ich begreife den Autismus als Gabe. Ohne ihn wäre ich nicht ich selbst“, sagt Lutter.

Wie der Elf ohne Flügel in ihrem Buch kehrt auch Lutter den vermeintlichen Nachteil, den sie durch das Asperger-Syndrom hat, in einen Vorteil um und nutzt ihn für ihre Geschichten. „Ich nehme Dinge anders wahr als andere, eher in einzelnen Bildern, wie durch ein Kaleidoskop. Dabei kommen mir phantastische Ideen“, so die 30-Jährige. „Meine Feengeschichte habe ich bei einem Spaziergang im Wald entwickelt. Der Wald und die Natur faszinieren mich. Sie sind offen und friedlich zugleich.“

Dass Lutter eine Kindergeschichte geschrieben hat, ist kein Zufall: „Geschichten für Kinder sind so schön unkompliziert und handeln von zentralen Themen: Von Freundschaft, Familie und Toleranz. Das ist wichtig. Menschen wie ich brauchen Einfachheit.“

Der Verlag Sternenfabrik, bei der das Buch erschienen ist, hatte die Idee, die Geschichte in Leichter Sprache herauszugeben. So können auch Menschen mit Legasthenie oder Lernschwächen das Buch selbstständig lesen. „Wer ein Buch selbst liest, macht sich auch eigene Gedanken und Gefühle beim Lesen. Deshalb ist es so wichtig, auch Geschichten für alle zu schreiben“, so Lutter. Zusätzlich enthält das Buch eine Langfassung der Geschichte.

Lutter hofft, mit dem Buch zu mehr Toleranz innerhalb der Gesellschaft beitragen zu können: „Jeder verdient es, auf dieser Welt ein schönes Leben zu haben. Ich hoffe, dass wir durch das Buch öfter miteinander reden und Freundschaften mehr wertschätzen.“

 

Zur Person:

Carolin Lutter wurde 1989 in Bückeburg geboren und wuchs auf dem Bauernhof ihrer Eltern bei Stadthagen auf. Mit 13 Jahren schrieb sie die ersten Geschichten über Tiere und Feen. Sie besuchte eine integrierte Gesamtschule und die Berufsschule. 2013 wurde bei ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Seit Anfang April wohnt Lutter in einer eigenen Wohnung in Bersenbrück und wird von der Wohnassistenz der Heilpädagogischen Hilfe unterstützt. Neben dem Verfassen von Geschichten und Gedichten sind China und die chinesische Sprache Lutters große Leidenschaft. Für den Trägerverein Partnerschaft Minden - Changzhou begleitete sie schon mehrfach Delegierte aus China und Deutschland bei Besuchen im jeweils anderen Land. Derzeit sucht Carolin Lutter nach einem Job mit Bezug zu China in unserer Region. Am liebsten würde sie als Reisebegleitungsassistenz arbeiten. Als zweites Standbein möchte sie weiterhin Kinderbücher schreiben. Ihr erstes Buch „Vom Glück fliegen zu können“ möchte Lutter im Herbst bei Lesungen oder Buchvorstellungen der Öffentlichkeit vorstellen.

 

Zum Buch:

Das Kinderbuch „Vom Glück fliegen zu können“ von Carolin Lutter wurde von der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) der Diözese Regensburg herausgegeben. Es ist für 9,95 Euro unter der ISBN 978-3-00-061206-0 im Handel oder in der Geschäftsstelle der KJF Regensburg erhältlich,E-Mail presse@kjf-regensburg.de oder Telefon 0941 79887-219. Illustriert ist die Geschichte mit aquarellierten Radierungen von Wolfgang Bauer, einen jungen Künstler aus Regensburg, der ebenfalls ein Handicap hat. Das Buch ist in Leichter Sprache verfasst, enthält aber auch eine Langfassung der Geschichte.

Text und Foto: Elisabeth Schomaker.