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Vielfalt leben

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Den eigenen Weg im Wandel finden: Digital unterstützte Arbeitsplätze bieten neue Chancen für Menschen mit geistigen Behinderungen

Wir alle hören ständig vom Wandel der Arbeitswelt. Aber was bedeutet er für jede*n von uns persönlich? Die Bersenbrücker Gemeinnützige Werkstätten bieten an den Standorten Bersenbrück, Bramsche und Fürstenau für rund 750 Menschen mit Beeinträchtigungen einen Arbeitsplatz. Der größte Standort, Bersenbrück, richtet sein Arbeitsangebot mit rund 550 Arbeitsplätzen vormerklich an Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Die Bereiche, in denen Arbeit angeboten wird, umfassen Metallbau, Holzverarbeitung, Gartenbau, Verpackung und Montage, Bürodienstleistungen und Telefonzentrale, Lager und Logistik sowie Küche und Pferdedecken-Reinigung. Im Bramscher Bahnhof gibt es sowohl für Menschen mit psychischen als auch mit geistigen Beeinträchtigungen Arbeitsplätze, am Standort Fürstenau arbeiten Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Die Werkstatt in Bersenbrück feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Eine gute Gelegenheit, um zurückzublicken. Es ist erkennbar, dass sich vieles verändert hat in dieser Zeit. Doch wie haben Menschen mit und ohne Behinderungen diesen Wandel erlebt?

Veränderungen kommen selten überraschend daher. Sie bleiben nur dann, wenn sie sich in das einfügen, was bereits da ist. Und wenn sie als nützlich empfunden werden. Bei modernen Technologien ist das der Fall, wenn sie etwas verbessern. Zum Beispiel, wenn sie Menschen mit Behinderungen neue Zugänge in die Arbeitswelt eröffnen und ihnen ermöglichen, anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen. Auch bei der Heilpädagogischen Hilfe in Bersenbrück sollen digitale Technologien daher nach und nach so eingesetzt werden, dass sie die Eigenständigkeit der Menschen stärken. Ein Ziel ist es, Menschen mit geistigen Behinderungen nicht nur einfache, sich wiederholende Tätigkeiten anzubieten, sondern auch die Beteiligung an komplexeren Produktionsprozessen zu ermöglichen. Jeder Mensch, der bei uns arbeitet, hat Entwicklungsziele, die ihn persönlich und auch fachlich weiterbringen sollen. Digitale Prozesse und Systeme sind für uns alle ein wichtiger Bestandteil im Alltag geworden, so dass wir im Rahmen der unterschiedlichen Berufsbilder zunehmend in Kontakt mit ihnen kommen. Das schließt Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen selbstverständlich mit ein.

In der Umsetzung bedeutet das den Aufbau von autonomen und teilautonomen Prozessschritten. Damit also Maschinen und Roboter einzelne Produktionsschritte eigenständig oder teilweise mit menschlicher Unterstützung ausführen können, müssen Menschen immer stärker an das Bedienen von Systemen herangeführt werden. Das geht einher mit der individuellen Anpassung von Arbeitsplätzen:

  • Arbeitsaufgaben werden so gestaltet, dass sie für viele Menschen zugänglich sind – unabhängig von Art und Schwere der Behinderungen.
  • Wirtschaftliche Aspekte spielen bei allen Überlegungen eine Rolle. Werkstätten müssen ein solides Fundament haben, um Arbeitsplätze zu sichern.
  • Digitale Lösungen können die Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderungen unterstützen und zukünftig dabei helfen, dass Werkstattbeschäftigte weniger auf die Unterstützung von Fachkräften angewiesen sind. Als Beispiele sind hier Lernplattformen, die das eigenständige Erarbeiten von Lerninhalten bieten, intelligente Assistenzsysteme, die Schritt-für-Schritt-Anleitungen geben, Maschinen, die schwere oder komplizierte Handgriffe übernehmen, sowie digitale Auftragsbearbeitung, die einen besseren Gesamtüberblick auf die Prozesse gewährleisten, zu nennen

Nicht alle dieser Lösungen werden bei der Heilpädagogischen Hilfe in Bersenbrück sofort umgesetzt - nur die, die wirklichen Nutzen für die Produktion stiften, und in die sich Menschen mit Behinderungen Stück für Stück mit einbinden lassen.

Das ist ein Prozess, der Zeit und die Bereitschaft für Lebenslanges Lernen mit sich bringt. Da jedes Arbeitsangebot in der Werkstatt individuelle Bedürfnisse des Menschen, der ihn ausfüllt, berücksichtigt, ist Flexibilität ohnehin gefordert. Die Menschen werden in dem Tempo an die neuen Aufgaben herangeführt, das sie benötigen, um stetig daran wachsen zu können.

Die Rolle der Fachkräfte wird sich aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung im Laufe der Zeit verändern. Sie werden immer mehr zu Begleiter*innen und Unterstützer*innen auf dem Weg zu mehr Eigenverantwortung.

Digitalisierung und Automatisierung in den Werkstätten kann also nicht nur als technischer Fortschritt verstanden werden, sondern auch als Chance zur Weiterentwicklung einer gesamten Arbeitskultur.

Diese wird zukünftig noch stärker geprägt sein von Eigenständigkeit und der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Ein wichtiger Schritt zu diesem Ziel ist, immer wieder aufs Neue zu üben, Zusammenhänge zu erkennen, mit ihnen flexibel umzugehen und sie idealerweise mitzugestalten.

An den folgenden beiden Beispielen möchten wir verdeutlichen, wie sich das konkret gestalten kann.

Digitale Arbeitsplätze im Zusammenspiel: Lagerliftsysteme als Bindeglied zwischen drei Werkstattgruppen

In der Werkstatt Bersenbrück spielt das zentrale Lager eine Schlüsselrolle für viele Produktionsprozesse. Hier kommen nicht nur Materialien an, sondern sie werden auch eingelagert, bereitgestellt und bedarfsgerecht ausgegeben. Die Koordination dieser Prozesse ist anspruchsvoll, insbesondere, wenn mehrere Gruppen beteiligt sind.

Ein modernes Lagerliftsystem unterstützt dabei, diese Aufgaben effizient und verlässlich umzusetzen. Die Besonderheit: Der Lagerlift wird von drei unterschiedlichen Gruppen genutzt und gemeinsam bedient – der Metallgruppe, der Lagergruppe (Betriebsorganisation) und dem Bereich Smart Office (Bürodienstleistungen).

Die Steuerung erfolgt sowohl digital als auch manuell und erfordert eine enge Abstimmung. Dabei entstehen nicht nur reibungslose Abläufe, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Arbeitsweisen der jeweils anderen Gruppen. Die Beschäftigten lernen voneinander und wachsen im Prozess zusammen.

Gerade für Menschen mit Behinderungen schafft der digital unterstützte Arbeitsplatz neue Chancen. Informationen sind besser zugänglich, Arbeitsschritte werden klarer und nachvollziehbarer. Digitale Assistenzsysteme helfen, Aufgaben sicherer und selbstständiger zu erledigen und stärken so das Selbstvertrauen und die aktive Teilhabe im Arbeitsalltag.

Weitere Optimierungen und Entwicklungen werden fortlaufend in enger Zusammenarbeit mit den Fachkräften sowie den Beschäftigten umgesetzt. Dazu zählen unter anderem die ergonomische Anpassung der Arbeitsplätze, die Automatisierung wiederkehrender Abläufe sowie die Einbindung barrierefreier Benutzeroberflächen.

Beratung im Fahrkartenverkauf

Die Produktionsstätte „Bramscher Bahnhof“ ist Teil des Bahnhofs der Kleinstadt Bramsche. Dort werden Reisende nicht nur am Kiosk vom Küchenteam mit Reiseproviant versorgt. Auch Tickets kann man von den Werkstattbeschäftigten vor Ort käuflich erwerben. Wer möchte, lässt sich auch zu den einzelnen Tickets beraten - eine echte Erleichterung für alle Menschen, die mit dem digitalen Ticketautomaten nicht gut zurechtkommen.

Für die Beschäftigten bedeutet dieser Arbeitsplatz ein tiefes Verständnis für das Buchungssystem der Firma Transdev und zudem der eigenständige Aufbau von Beratungskompetenz, die den Kund*innen vor Ort entgegengebracht werden muss.

Ein gutes Beispiel dafür, wie es gelingen kann, dass Menschen mit Beeinträchtigungen sich mutig und selbstbewusst in der digitalen Welt bewegen, um den Menschen Unterstützung zu leisten, die dem gegenüber noch Vorbehalte haben.

Um für diese Aufgaben gut vorbereitet zu sein, wurden die Beschäftigten intensiv geschult - auf die gleiche Art und Weise, wie dies bei anderen Vertragspartnern erfolgt, die den Ticketservice des Unternehmens unterstützen. 

Das hohe Maß an eigenständigem Arbeiten am Standort „Bramscher Bahnhof“ bietet den Beschäftigten die Möglichkeit, sich stetig weiterzuentwickeln und neue Fähigkeiten zu erwerben. Sie tragen einen großen Teil zur Öffentlichkeitsarbeit des Bramscher Bahnhofs und der Werkstatt bei und werden von vielen Besucher*innen und Kund*innen sehr geschätzt.

Text: Claudia Casamento.

Fotos: Oliver Pracht. 

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