Unterstützung zuhause statt Klinikaufenthalt - PHKP gibt Menschen in Krisen Halt, Orientierung und neue Selbstständigkeit
Melissa Thie rückt aus, wenn der Alltag plötzlich nicht mehr funktioniert. Wenn selbst das scheinbar Selbstverständliche zu einer großen Herausforderung wird. Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen, einen Arzttermin wahrnehmen oder Kontakte zu anderen Menschen pflegen – für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen können solche Aufgaben zeitweise kaum zu bewältigen sein.
Hier setzt die psychiatrische häusliche Krankenpflege (pHKP) an. Die Mitarbeitenden kommen zu den Menschen nach Hause und unterstützen sie in ihrem vertrauten Umfeld. Sie helfen dabei, den Alltag wieder zu strukturieren, Krisen zu bewältigen und Schritt für Schritt neue Stabilität und Selbstständigkeit zu entwickeln. Dabei geht es nicht allein um pflegerische Aufgaben. Die pHKP bietet Orientierung, hört zu und schaut gemeinsam mit den Betroffenen, welche Unterstützung sie benötigen und welche weiteren Angebote hilfreich sein können.
Ziel ist es, Krisen frühzeitig aufzufangen und Krankenhausaufenthalte möglichst zu vermeiden oder zu verkürzen. Die Menschen sollen möglichst in ihrem vertrauten Umfeld bleiben und dort wieder mehr Sicherheit und Eigenständigkeit gewinnen.
Kleine Schritte
Für Melissa Thie, die bei der pHKP der Heilpädagogischen Hilfe Bersenbrück (HpH) arbeitet, stehen heute zwei Besuche an. Ihre erste Patientin, die für diesen Artikel „Helga“ heißen soll, ist Anfang 60. Nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes geriet ihr Leben aus dem Gleichgewicht. Dazu kamen weitere psychische Belastungen und gesundheitliche Probleme. Sie zog sich immer mehr zurück. Der Kegelclub, ihre Nachbarn, die Freunde, mit denen sie seit Jahren Karten spielte – zu vielen Aktivitäten, die früher zu ihrem Leben gehörten, hat Helga inzwischen den Zugang verloren.
Heute arbeitet Helga gemeinsam mit Melissa Thie daran, Schritt für Schritt wieder mehr Struktur in ihren Alltag zu bringen. Es geht um Arzttermine und Anträge, aber auch um ganz alltägliche Dinge. Einkaufen, Kochen und Wäsche fallen ihr inzwischen wieder leichter. Sie geht mit ihren Enkelkindern spazieren und auf den Spielplatz. Kürzlich hat sie dort sogar mit einer Bekannten gesprochen. Für andere mag das wie eine Kleinigkeit wirken. Für Helga ist es ein wichtiger Fortschritt. „Ich bin schon ein ganzes Stück weiter durch Melissa“, sagt Helga. Sie wünsche sich, dass mehr Menschen von der Unterstützung durch die pHKP erfahren: „Dass es so etwas wie die pHKP gibt, wissen zu wenige.“
Seit fast sechs Jahren arbeitet Melissa Thie bei der pHKP der HpH. Zuvor war sie zwölf Jahre beim Christlichen Krankenhaus Quakenbrück in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie tätig. Der Wechsel zur ambulanten Arbeit hatte auch familiäre Gründe: Keine Spät- und Nachtdienste, keine Wochenendarbeit und gleichzeitig die Möglichkeit, die Termine selbstständig und flexibel zu planen.
Was die 42-Jährige besonders an ihrer Arbeit schätzt, ist die Nähe zu den Menschen. Denn pHKP ist vor allem Beziehungsarbeit. Die Mitarbeitenden besuchen die Menschen in ihrem vertrauten Umfeld und begleiten sie über einen längeren Zeitraum. So entsteht ein enges Vertrauensverhältnis. „Ich habe den Wechsel nie bereut“, sagt sie.
Auch bei der zweiten Patientin an diesem Tag, die hier „Petra“ heißen soll, steht der Alltag im Mittelpunkt. Die gesundheitliche Situation ihres Mannes, der lebensbedrohlich erkrankt ist, belastet sie und das gemeinsame Familienleben sehr. Über einen langen Zeitraum hat Petra ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund gestellt. Gemeinsam mit Melissa Thie bespricht sie, welche Veränderungen helfen können, um ihre eigenen Bedürfnisse stärker wahrzunehmen und auszusprechen. Für Petra ist die pHKP eine wichtige Unterstützung auf dem Weg zurück zu mehr Stabilität – und eine Brücke, bis weitere therapeutische Angebote greifen können.
Im vertrauten Umfeld wieder Halt finden
Für viele Patienten sind die Mitarbeitenden der pHKP wichtige Gesprächspartner. Manche möchten ihre Familien nicht zusätzlich belasten, andere haben nur wenige soziale Kontakte oder gar keine Angehörigen.
Die Mitarbeitenden nehmen sich Zeit, hören zu und helfen dabei, die nächsten Schritte zu planen. Ein Termin dauert mindestens 90 Minuten, häufig länger. In der Regel findet einmal pro Woche ein Besuch statt. Die Regelversorgung umfasst vier Monate und kann bei Bedarf um weitere drei Monate verlängert werden.
30 Jahre Hilfe im eigenen Zuhause
Seit 1996 begleitet die psychiatrische häusliche Krankenpflege (pHKP) der HpH Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Region. In diesem Jahr feiert der Dienst, der Teil des HpH-Pflegedienstes ist, sein 30-jähriges Bestehen. Für Jan Sträter, den Leiter der pHKP bei der HpH, ist das Jubiläum ein Anlass, auf die Entwicklung des Dienstes zurückzublicken. „In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich nicht nur die psychiatrische Versorgung verändert. Auch der gesellschaftliche Blick auf psychische Erkrankungen hat sich gewandelt“, so Sträter. „Was früher häufig tabuisiert wurde, findet heute mehr Aufmerksamkeit und Verständnis. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, Menschen frühzeitig und wohnortnah zu unterstützen.“
Auch der Bedarf an ambulanter Begleitung ist kontinuierlich gestiegen. Vor 30 Jahren startete der Dienst mit fünf Mitarbeitenden; heute ist es ein neunköpfiges Team, das aktuell rund 120 Patienten aus den Landkreisen Osnabrück, Cloppenburg und Vechta in ihrem Alltag begleitet.
Mitarbeiterin Melissa Thie erlebt täglich, wie wertvoll kleine Fortschritte sein können. Ein wahrgenommener Arzttermin. Ein wiedergewonnener Kontakt. Ein Spaziergang mit den Enkelkindern. Oder einfach ein Alltag, der wieder ein wenig leichter fällt. Oft sind es diese kleinen Schritte, die zeigen, dass Veränderung möglich ist. Und manchmal beginnt sie mit einem Auto ohne Logo, einer vertrauten Person an der Haustür und dem Gefühl: Da ist jemand, der mich ein Stück begleitet.
Psychiatrische Häusliche Krankenpflege (pHKP)
Was ist das Ziel?
Die pHKP ist ein aufsuchender Kriseninterventionsdienst. Sie unterstützt Menschen dabei, akute Krisen zu bewältigen, ihren Alltag zu strukturieren und Stabilität zurückzugewinnen. Krankenhausaufenthalte sollen möglichst vermieden oder verkürzt werden.
Wer wird unterstützt?
Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, beispielsweise Depressionen, Psychosen, Wahnvorstellungen oder Traumafolgestörungen.
Wie sieht die Unterstützung aus?
Die Mitarbeitenden kommen zu den Menschen nach Hause. Sie helfen unter anderem bei der Tagesstrukturierung, beim Umgang mit Krisen, bei Arztkontakten und beim Wiederaufbau sozialer Kontakte. Bei Bedarf vermitteln sie weitere Unterstützungsangebote und unterstützen bei der Kontaktaufnahme.
Wie bekomme ich pHKP?
Psychiatrische häusliche Krankenpflege (pHKP) kann von Ärzten, von psychologischen Psychotherapeuten, von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie von dazu berechtigten Kliniken verordnet werden. Betroffene können sich auch direkt an einen pHKP-Dienst wenden. Die Mitarbeitenden beraten bei den nächsten Schritten und unterstützen bei der Beantragung bei der Krankenkasse. Die Kosten übernimmt in der Regel die Krankenkasse.
Wie lange dauert die Versorgung?
Die Regelversorgung umfasst vier Monate und kann in Einzelfällen verlängert werden. Die Besuche finden in der Regel und nach Absprache ein- bis zweimal pro Woche statt und dauern mindestens 90 Minuten. Als Sonderform gibt es bei einigen Krankenkassen die Möglichkeit, an der Besonderen oder auch integrierten Versorgung teilzunehmen. Diese Form der pHKP ist teils für deutlich längere Zeiträume konzipiert. Der Pflegedienst berät Sie gerne dazu.
Kontakt:
Jan Sträter, Pflegedienstleiter pHKP
Telefon: 05439 60298-89
Mobil: 0160 7086564
Mail: straeter@hph-bsb.de.
Text und Fotos: Elisabeth Schomaker/HpH.
