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Vom Praktikum zum festen Job - Wie Herr Neufeld trotz Beeinträchtigung seinen Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt fand

Jeder Mensch hat das Recht, seinen Arbeitsplatz frei zu wählen – so steht es in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. In der Realität jedoch ist der Weg dorthin für viele Menschen mit Beeinträchtigung immer noch weit. Gerade der Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt bleibt für viele eine enorme Herausforderung. Das Beispiel von Herrn Neufeld zeigt, wie Inklusion gelingen kann, wenn alle beteiligten Stellen gemeinsam an einem Strang ziehen.

Herr Neufeld*, ein 25-jähriger Bersenbrücker mit Autismus-Spektrum-Störung, arbeitet heute bei der Firma Rasche und Weßler in Alfhausen (*Redaktionelle Anmerkung: Herr Neufeld möchte nicht mit vollständigem Namen genannt werden, deshalb nennen wir hier in Absprache mit ihm nur seinen Nachnamen). Das Unternehmen hat sich auf Automation und Energiemanagement spezialisiert – ein hoch technisches Umfeld, in dem Präzision, Zuverlässigkeit und strukturiertes Arbeiten entscheidend sind. Genau diese Fähigkeiten bringt er mit und wird dafür in seinem Team besonders geschätzt.

„Der Einstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt war für Herrn Neufeld nicht selbstverständlich“, sagt Jobcoach Michael Baranowski von der Heilpädagogischen Hilfe Bersenbrück (HpH). Er hat den Kontakt zwischen Herrn Neufeld und dem Unternehmen hergestellt und begleitet ihn weiterhin sozialpädagogisch an seinem Arbeitsplatz. „Menschen mit Autismus erleben häufig Hürden – nicht aufgrund fehlender Kompetenzen, sondern aufgrund gesellschaftlicher und struktureller Barrieren. Bewerbungsgespräche, Erwartungsdruck, unklare Kommunikationssituationen oder wechselnde Aufgaben können herausfordernd sein“, erklärt Baranowski.

An Herrn Neufelds Arbeitsplatz in der Werkstatt von Rasche und Weßler sitzt jeder Handgriff. Routiniert liest er die Schaltpläne, bestückt die Schaltschränke mit Kabeln, Platinen und Paneelen und spielt über das Firmennetzwerk die benötigten Parameter auf. Im Inneren des Schaltschranks arbeitet das Herzstück des Unternehmens: der sogenannte Parkregler, ein System, das die Einspeisung von Energie aus Solarparks, Windkraft- und Blockheizkraftanlagen steuert und überwacht.

Das technische Vorwissen für diese anspruchsvolle Tätigkeit brachte Herr Neufeld bereits mit. Nach seinem Hauptschulabschluss schloss er eine theoriegeminderte Ausbildung zum Fachpraktiker für Industriemontage ab, fand jedoch keinen Arbeitsplatz. Um sich beruflich zu orientieren, kam er in den sogenannten BOB – die Berufliche Orientierung und Bildung der Bersenbrücker Gemeinnützigen Werkstätten in Trägerschaft der HpH. Diese Maßnahme wird von der Bundesagentur für Arbeit finanziert und bereitet die Teilnehmenden Schritt für Schritt auf das Berufsleben innerhalb der Werkstatt oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vor. „Dort haben wir schnell gemerkt, dass Herr Neufeld total unterfordert war. Also haben wir nach einer anderen Lösung für ihn gesucht“, erinnert sich Baranowski.

Über den Inhaber einer Tischlerei aus Rieste, der selbst einen Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigt, entstand schließlich der Kontakt zu Rasche und Weßler. „Uns wurde sehr positiv über die Zusammenarbeit mit der HpH und der Agentur für Arbeit berichtet. Das hat uns ermutigt, diesen Schritt zu gehen. Wir sind froh, dass wir das gemacht haben und einen tollen Mitarbeiter gefunden haben“, berichtet Mitinhaber Ralf Weßler.

Zu Beginn absolvierte Herr Neufeld ein Praktikum im Betrieb. Werkstattleiter Tobias Kirchhoff erinnert sich noch gut an die ersten Tage: „Zu Beginn gab es kleinere Berührungsängste und Kommunikationsschwierigkeiten. Herr Neufeld ist ein sehr stiller Mensch, der wenig Rückmeldung gibt.“ Anfangs war Kirchhoff unsicher, ob seine Erklärungen ankamen oder ob sich Herr Neufeld im Betrieb wohlfühlte. „Ich musste mich erst an seine Art gewöhnen. Inzwischen hat sich das hervorragend eingespielt – auch dank unseres Jobcoaches. Jetzt weiß ich, dass es ihm bei uns gutgeht, auch wenn er es nicht sagt.“

Für Kirchhoff steht fest: Die Besonderheiten von Herrn Neufeld sind gleichzeitig seine großen Stärken. „Ich sage immer: Er ist mein Roboter – zuverlässig, akkurat, ordentlich, schnell und niemals maulig.“

Schnell wurde klar, dass sich beide Seiten eine langfristige Zusammenarbeit vorstellen können. Herr Neufeld absolvierte den BOB daraufhin ambulant, arbeitete also täglich im Unternehmen und wurde regelmäßig vom Jobcoach begleitet.

Vor Kurzem hat er den BOB erfolgreich abgeschlossen und seinen Arbeitsvertrag bei Rasche und Weßler unterschrieben – unbefristet und sozialversicherungspflichtig. Ein zentrales Instrument dafür ist das „Budget für Arbeit“, das vom Kostenträger der Eingliederungshilfe – in Herrn Neufelds Fall vom Landkreis Osnabrück - bereitgestellt wird. Die Förderung fließt als Lohnsubvention in sein Gehalt und gleicht gegebenenfalls aus, wenn jemand aufgrund einer Beeinträchtigung weniger leisten kann. Gleichzeitig finanziert sie die sozialpädagogische Begleitung durch den Jobcoach; in Herrn Neufelds Fall drei Stunden im Monat.

„Mit Rasche und Weßler haben wir einen passenden Arbeitsplatz für Herrn Neufeld gefunden“, sagt Baranowski. „Er bietet eine wirklich anspruchsvolle Tätigkeit und tolle Rahmenbedingungen.“ Diese Rahmenbedingungen tragen entscheidend zu seiner Entwicklung bei: ein guter Stundenlohn, ein unbefristeter und sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz sowie die Möglichkeit, die Autismus-Therapie-Stunden direkt beim Arbeitgeber wahrzunehmen. „Das ist keine Selbstverständlichkeit“, betont der Jobcoach.

Seit seinem Start hat sich Herr Neufeld sowohl fachlich als auch persönlich stark weiterentwickelt. Schritt für Schritt wurden seine Aufgaben erweitert, und heute ist seine Entwicklung für alle klar sichtbar. „Er wird immer selbstständiger. Inzwischen bringt er sich selbst ein und macht sinnvolle Verbesserungsvorschläge“, berichtet Werkstattleiter Kirchhoff. Das Beispiel zeigt, wie Inklusion gelingen kann – mit Vertrauen, guter Zusammenarbeit und dem passenden Unterstützungsinstrument.


Info: Budget für Arbeit

Das Budget für Arbeit unterstützt Menschen mit Beeinträchtigung dabei, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aufzunehmen. Es umfasst einen Lohnkostenzuschuss für Arbeitgeber sowie Assistenzleistungen wie Jobcoaching am Arbeitsplatz.

Die Förderung richtet sich an Personen, die eigentlich Anspruch auf eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) hätten, aber in einem regulären Unternehmen arbeiten möchten. Sie soll die Teilhabe am Arbeitsleben stärken und langfristige, unbefristete Arbeitsverhältnisse ermöglichen.

Auch Arbeitgeber profitieren: Das Budget entlastet finanziell und bietet fachliche Unterstützung. Durch seine individuelle und langfristige Ausgestaltung trägt es dazu bei, inklusive Arbeitsplätze zu schaffen.

Text und Fotos: Elisabeth Schomaker/HpH.

 

 

 

 

 

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